6  Phase 6: Interaktive Lerninhalte – H5P oder Quarto?

„Interaktivität ist kein Feature. Sie ist eine didaktische Entscheidung.“
Und wie jede gute Entscheidung beginnt sie mit der Frage nach Freiheit vs. Führung.

Nach Recherche (Phase 1), Grounding (Phase 2), didaktischer Transformation (Phase 3) und medialer Ausspielung über Folien (Phase 4) erreichen wir die letzte, aber entscheidende Phase: Interaktive Lerninhalte.
Hier entscheidet sich, ob Studierende nur konsumieren – oder ob sie denken, handeln und überprüfen.

In der bisherigen Empfehlung war H5P das bevorzugte Werkzeug. Das ist nach wie vor richtig.
Aber es ist nicht mehr die ganze Wahrheit.

Heute stehen uns zwei valide, aber grundverschiedene Ansätze zur Verfügung:

Beide haben ihren Platz. Die Kunst liegt darin, den richtigen Einsatz zu wählen.

6.1 H5P: Didaktische Leitplanken, geringe Reibung

H5P ist das, was man in der Lehre ein „Low-Barrier-Tool“ nennt:
Es funktioniert direkt in Moodle, benötigt keine Programmierkenntnisse und liefert sofort sichtbare Ergebnisse.

Didaktisch ist H5P stark dort, wo Struktur, Führung und Lernzielkontrolle gefragt sind.

6.1.1 Stärken von H5P im Hochschulkontext

  • Native Integration in Moodle (inkl. Gradebook)
  • Klare Inhaltstypen (Quiz, Interactive Book, Course Presentation)
  • Geringe Einstiegshürde für Lehrende
  • Geeignet für standardisierte Online-Lehre und Selbstlernphasen

Gerade das Interactive Book ist ein robustes Format: Kapitelstruktur, Fortschrittsanzeige, Quiz-Integration – alles „out of the box“.

Didaktischer Vorteil:
H5P zwingt nicht zum Nachdenken über Technik, sondern über Lernschritte.

Die Stärke von H5P

H5P ist didaktisch restriktiv – und genau deshalb gut für Einsteiger:innen.
Es verhindert technische Eskalation und hält den Fokus auf Aktivierung und Lernzielkontrolle.

6.1.2 Grenzen von H5P

Diese Stärke ist zugleich die Grenze:

  • Begrenzte Gestaltungsfreiheit
  • Kaum Trennung von Inhalt, Struktur und Darstellung
  • Eingeschränkte Versionierung und Wiederverwendbarkeit
  • Inhalte sind stark an Moodle gebunden

Kurz: H5P ist ein sehr gutes didaktisches Werkzeug – aber kein offenes Publikationssystem.

6.2 Quarto: Offenheit, Wiederverwendbarkeit und didaktische Tiefe

Quarto verfolgt einen anderen Ansatz. Es ist kein „LMS-Plugin“, sondern ein Publikationssystem für wissenschaftliche und didaktische Inhalte.
Wer Quarto nutzt, baut keine einzelnen Lernobjekte, sondern Bücher, Skripte, Kurse, Lernwelten.

6.2.1 Warum Quarto didaktisch attraktiv ist

  • Strikte Trennung von Inhalt (Markdown), Logik (Quarto) und Darstellung (HTML/CSS)
  • Versionierbar (Git), reproduzierbar, langfristig wartbar
  • Interaktive Elemente (Quizzes, Callouts, Tabs, Accordions, Custom JS)
  • Ideal für Flipped Classroom, Reader, digitale Lehrbücher

Ein mit Quarto erzeugtes HTML-Book kann das sein, was Folien nie waren:
der primäre Lernraum.

Paradigmenwechsel:
Nicht „Folien + Moodle + Aufgaben“, sondern ein interaktives Lehrbuch, ergänzt durch Präsenz.

H5P ist ideal für geführte Interaktion in Moodle.
Quarto ist ideal für offene, strukturierte Lernräume jenseits einzelner Inhalte.

6.2.2 Die Kehrseite: Lernkurve

Quarto ist kein Klickwerkzeug. Es verlangt:

  • Grundverständnis von Markdown
  • Bereitschaft, mit Beispielen zu lernen
  • Akzeptanz, dass Freiheit initial Zeit kostet

Die gute Nachricht: Das Lernen beschleunigt sich drastisch, wenn man nicht bei Null anfängt.

6.3 Lernen durch Beispiele: GitHub als didaktischer Beschleuniger

Der effizienteste Einstieg in Quarto ist nicht das Lesen von Dokumentation, sondern das Studieren funktionierender Beispiele.

Für die THWS stehen dafür zwei zentrale Repositories zur Verfügung:

  • Templates & Extensions:
    https://github.com/c-kraus/thws_quarto

  • Prinzip:
    Klonen → Anpassen → Verstehen → Erweitern

Hier zeigt sich ein entscheidender Unterschied zu H5P:
Quarto belohnt Exploration und Variation, nicht Klickroutine.

Didaktik durch Lesen von Code

Quarto zwingt zur Auseinandersetzung mit Struktur.
Das ist kein Nachteil – es ist akademische Sozialisation in digitaler Form.

6.4 Entscheidungshilfe: H5P oder Quarto?

Die Wahl ist keine Glaubensfrage, sondern eine Frage des didaktischen Ziels.

6.4.1 Wann H5P die bessere Wahl ist

  • Sie arbeiten ausschließlich in Moodle
  • Sie wollen schnelle, standardisierte Interaktion
  • Sie brauchen Fortschritts- und Notentracking
  • Sie möchten geringe technische Einstiegshürden

6.4.2 Wann Quarto die bessere Wahl ist

  • Sie denken in Kapiteln, nicht in Einzelelementen
  • Sie wollen Inhalte langfristig pflegen und weiterentwickeln
  • Sie setzen auf Flipped Classroom oder Blended Learning
  • Sie wollen Inhalt, Struktur und Darstellung sauber trennen

Reife Lehre nutzt beides.
H5P für gezielte Aktivierung im LMS.
Quarto für den inhaltlichen Kern und die didaktische Tiefe.

Welche Aussage trifft den didaktischen Unterschied am besten?

  • H5P ist moderner als Quarto, weil es klickbar ist.
  • Quarto ersetzt H5P vollständig.
  • H5P bietet schnelle, geführte Interaktion – Quarto bietet offene, nachhaltige Lernräume mit höherer Lernkurve.

Die Frage ist nicht: Welches Tool ist besser?
Die Frage ist: Welches Tool passt zu meinem Lehrziel?

6.5 Der vollständige Workflow (Phase 1–5 in einem Satz)

  1. Perplexity findet und strukturiert externe Quellen.
  2. NotebookLM groundet und stabilisiert Wissen.
  3. Gemini/ChatGPT transformiert Wissen in didaktische Formate.
  4. MARP produziert konsistente Folien aus Markdown.
  5. HeyGen erstellt Videos aus Text.
  6. H5P oder Quarto machen Lernen interaktiv – geführt oder offen.

Damit schließt sich der Kreis: von Recherche zu Erkenntnis, von Erkenntnis zu Lehre, von Lehre zu Lernen.

6.6 Anhang: Bisheriger Foliensatz zu H5P (Referenz)

Als Vergleich und Einstieg liegt der bestehende, auf H5P basierende Foliensatz vor. Er eignet sich hervorragend, um die Stärken von H5P zu verstehen und bewusst von Quarto abzugrenzen. :contentReferenceoaicite:0

Anhang öffnen: „Interaktive Lehre mit H5P“

Der Foliensatz behandelt: - Grundlagen von H5P - Das Interactive Book als Kernformat - Didaktische Einsatzszenarien - Integration in Moodle - Lernzielkontrolle und Tracking

Nutzen Sie ihn als Referenz – nicht als Endpunkt.

Die Zukunft der Lehre ist nicht toolgetrieben.
Sie ist architekturgetrieben.